Spitzenwechsel bei DESY | Doppelinterview
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Spitzenwechsel bei DESY | Doppelinterview
Beate, Helmut – könnt Ihr Euch an Euren ersten Tag bei DESY erinnern?
Beate Heinemann: Ich hatte gleich drei davon: 1987/88 als Schülerin mit dem Physik-Leistungskurs. Damals habe ich nicht viel von dem verstanden, was da erzählt wurde – DESY war für mich wie ein neues Universum. Beim zweiten Mal war ich bereits an der Uni und für Praktika, Diplom- und Doktorarbeit häufiger auf dem Campus. Und letztlich kam ich 2016 nach 16 Jahren im Ausland zurück. Ich erinnere mich noch genau an den herzlichen Empfang der DESYanerinnen und DESYaner.
Helmut Dosch: Das allererste Mal war ich ca. 1988 auf dem DESY-Campus, als ich, zurück aus den USA, ein Projekt hier angemeldet hatte. Das waren Zeiten, mein lieber Mann... Wenn ich dann an meinen ersten Tag im Amt denke, fällt mir sofort das Wetter ein: trübe, Temperaturen im einstelligen Bereich. ‚Sauber‘ habe ich da nur gedacht.
Hattest Du eigentlich früh die Persönlichkeit oder den Wunsch, an der Spitze zu stehen, Helmut – oder hat sich einfach alles so ergeben?
Helmut Dosch: Eine schwierige Frage. Irgendwann wird man Klassensprecher – und 35 Jahre später Sprecher von einem europäischen Konsortium. Ich vermute mal, dass einige meiner Charaktereigenschaften schon passen: Ich bin eher zupackend und hab ein grenzenloses Selbstvertrauen; das braucht man auch. Ich war glaube ich immer sehr empathisch; auch das hilft. Und das nötige Durchsetzungsvermögen entwickelt man mit der Zeit. Einen durchgetakteten Karriereplan hatte ich aber nie. Heute würden alle sagen: „Mensch, Dosch, unglaublich!“– aber das war so. Ich kann mich noch erinnern: Als ich aus dem Haus ging, hat mir mein Vater – er war Beamter bei der Bahn – noch nachgerufen: „Pass uff, egal wo Du bist und was Du machst: Mach deine Sache gut und jammere nicht rum.“ Und das habe ich befolgt, so hat sich eins nach dem anderen ergeben.
Wann war Dir, Beate, bewusst, dass Du in die Wissenschaft gehen wirst?
Beate Heinemann: Mir wurde erst während meines Au-Pair-Jahres nach dem Abi klar, dass ich Physik studieren möchte. Aber ich hatte nie die Vorstellungskraft dafür, Professorin für Physik zu werden. Das Rollenvorbild einer Professorin existierte damals in der Öffentlichkeit ja so auch nicht. Aber: Ich habe während des Studiums gemerkt, dass ich gut bin und dass es mir Spaß macht. So habe ich einfach immer weitergemacht. Vieles hat sich dann ergeben. Strategisch habe ich meine Karriere also auch nicht geplant.
Helmut Dosch: Ich muss noch dazu sagen: Die Zeiten waren damals einfach anders. Früher hat man mit jedem Tag einen Schritt vorwärts gemacht. Junge Menschen heute haben viel schwierigere Rahmenbedingungen.
Beate Heinemann: Das stimmt. Auch bei mir und meiner Generation hatten die Eltern – mein Vater war Rechtsanwalt, meine Mutter Krankenschwester – immer den Wunsch, dass es den Kindern (noch) besser geht; damals ein realistischer Wunsch.
Beate, nun hast Du ja DESY aus unterschiedlichen Perspektiven, von unterschiedlichen Karrierestufen aus kennengelernt. Hilft das jetzt, gibt Dir das ein gutes Gefühl im Umgang mit den DESYaner:innen?
Beate Heinemann: Auf jeden Fall! Mich hat damals Albrecht Wagner eingestellt, Bjørn Wiik war geschäftsführender Direktor; ein unglaublich netter Mensch – aber er war gefühlt für mich unfassbar weit weg. Dieses Bewusstsein zu haben, wie unnahbar man vielleicht auf die Belegschaft wirken könnte, hilft mir bestimmt im Umgang mit den Menschen bei DESY.
Helmut Dosch: Ich möchte an dieser Stelle noch etwas zu den DESYanerinnen und DESYanern sagen: Wir haben bei DESY diesen einzigartigen Spirit, den ich wirklich bei keinem anderen Zentrum erlebt habe. Ich kenne auch keines, an dem die Beschäftigten den Namen des Zentrums tragen.
Beate Heinemann: Das sehe ich genauso. Diese Herzlichkeit bei DESY, diese Identifikation mit dem Zentrum... einfach enorm.
Helmut Dosch: Das ist überhaupt eine interessante Frage: Wie entsteht so ein Spirit?
Beate Heinemann: Die noch wichtigere ist: Was müssen wir tun, damit der DESY-Spirit erhalten bleibt?!
Helmut Dosch: Absolut, absolut.
Welches sind denn die wichtigsten Faktoren für einen guten DESY-Spirit?
Helmut Dosch: Wir haben zunächst einmal ein sehr intelligentes Direktorium, in dem Entscheidungen gemeinsam und nicht von einem Einzelnen gefällt werden. Das habe ich oft genug erfahren. Rückblickend bewerte ich das als ein unglaublich qualitätssicherndes Merkmal. Wir sind ein sehr offenes Zentrum, das transparent geführt wird. Und wir legen Wert darauf, dass jede einzelne Person Gehör findet.
Macht eigentlich bei der Führung des Zentrums der Bereichs-Background einen Unterschied?
Beate Heinemann: Meiner Meinung nach nicht. DESY kann nur erfolgreich sein, wenn jeder einzelne Bereich erfolgreich ist.
Helmut Dosch: Ich sehe das auch so. Wir sind ein Forschungszentrum, wir haben eine Mission: die Entschlüsselung der Materie. Und das machen wir mittlerweile auf einer Breite und auf einem Niveau wie sonst niemand. Der oder die Vorsitzende muss diese Spannbreite des gesamten Portfolios verstehen und im Griff haben. Und Beate ist die ideale Person.
Rückblick und Ausblick: Helmut, was ist Dein persönliches Highlight der 16 DESY-Jahre?
Helmut Dosch: Mein Highlight ist der Erfolg der gesamten Modernisierungsstrategie des Zentrums. Wir sind in Hamburg und Zeuthen moderner, attraktiver, diverser geworden. Uns ist die strategische Ausrichtung unserer Spitzenforschung gelungen – und wir haben ein Innovations-Ökosystem geschaffen, wofür wir anfänglich auch belächelt wurden.
Beate, was möchtest Du gerne erreichen?
Beate Heinemann: Das Wichtigste ist, dass wir wieder ein richtiges Großprojekt bei DESY machen: PETRA IV. Die hervorragende Vorbereitung ist wie eine Steilvorlage, die wir jetzt ins Tor bringen müssen. Wir müssen das Projekt finanziert bekommen und dann innerhalb von Zeitplan und Budget umsetzen. Zweitens möchte ich die Science City Hamburg Bahrenfeld insgesamt vorantreiben, damit die Region um DESY herum modernisiert wird... Helmut, ich erbe ja von Dir auch eine ganze Menge Baustellen...
Helmut Dosch: Positive Baustellen...
Beate Heinemann: Ja, physische Baustellen (beide lachen). Wenn die erst einmal fertig sind, wird der Campus noch viel moderner und lebenswerter. Das gilt natürlich auch für Zeuthen. Der Campus hat sich wahnsinnig gut entwickelt.
Gibt es etwas, was Du anders als Dein Vorgänger machen möchtest?
Beate Heinemann: Keine großen konzeptionellen Dinge – die Strategie, bei der ich druch meine Arbeit im Direktorium bereits involviert war, steht ja. Natürlich können wir in der Digitalisierung besser werden, Prozesse verschlanken, die Transparenz verbessern, das ist mir ein großes Anliegen. Gleichzeitig müssen wir überlegen, was wir nicht ändern wollen. Dazu gehört, dass wir weiterhin sicherstellen, dass sich die Beschäftigten wohlfühlen und dass wir internationale Kooperationen vorantreiben.
Was hättest Du in den vergangenen 16 Jahren gern anders gemacht?
Dosch: Meine Interaktion mit Russland. Das muss ich klipp und klar sagen. Ich habe bis 2014 intensiv versucht, Russland in das europäische Forschungssystem zu integrieren, habe vielleicht Warnungen von oppositionellen Wissenschaftlern zu lange ignoriert. Das war ein Fehler. Das würde ich heute anders machen. Im Rückblick war das ignorant oder naiv. Eine persönliche Enttäuschung.
Wenn wir gerade bei der Weltlage sind: Wie beurteilt Ihr die aktuelle Situation für die Wissenschaft in den Vereinigten Staaten unter der Trump-Regierung?
Helmut Dosch: Es ist hochgradig besorgniserregend, welch rasante Entwicklung wir dort gerade beobachten. Aus meiner Sicht, Beate, dürfen wir nicht mehr allzu lange warten, uns zu positionieren und zu äußern: als Unterstützung für die Wissenschaftler:innen und für die Forschungszentren und -organisationen.
Beate Heinemann: Da stimme ich mit Helmut vollkommen überein: Die Entwicklung in den USA sehe ich mit großer Sorge. Ich habe ja selbst lange dort geforscht und bin mit vielen in Kontakt. Wir müssen uns äußern. Wir müssen helfen. Wir müssen die Wissenschaftsfreiheit verteidigen beziehungsweise stärken.
Zurück zu DESY, zurück zur Amtsübergabe – mit der Bitte um zwei kurze Satzergänzungen:
Am ersten Tag im neuen Lebensabschnitt werde ich...
Helmut Dosch: ... den Wecker aus dem Fenster schmeißen.
Beate Heinemann: ... erst einmal ankommen. Den Tag habe ich mir im Kalender freigehalten... und ich werde mich weiter auf die Leitung der ersten Direktoriumssitzung unter meinem Vorsitz vorbereiten, die ist am zweiten Tag.
Ich freue mich am meisten darauf, ...
Beate Heinemann: ... DESY zu gestalten; gemeinsam mit den Beschäftigten und dem Direktorium.
Helmut Dosch: ... dass ich mehr Zeit für die Familie haben werde – und dass ich trotzdem noch mit meinen internationalen Verpflichtungen weitermachen kann.
Gibt’s denn konkrete Pläne?
Helmut Dosch: Ich kann nur sagen: Meine Frau ist schon besorgt, dass es zu viele Anfragen geben wird. Aber das Schöne ist ja, dass man nur noch macht, was einem wirklich Spaß bringt.
Beate Heinemann: Aber die Wissenschaft verliert Dich nicht...
Helmut Dosch: Nee, nee.
Was wird Dir beim Gedanken an den letzten DESY-Tag besonders schwerfallen?
Helmut Dosch: Ich habe keine Sorge, dass ich etwas vermissen werde. Die letzten fünf Jahren waren mega anstrengend, das muss ich ehrlich sagen. Das geht auch ans Eingemachte. Wir befinden uns in schwierigen Zeiten, aber das Haus selbst ist in gutem Zustand. Ich gehe nach 16 Jahren Volldampf entspannt, noch dazu mit dem Wissen, eine perfekte Nachfolge zu haben.
Beate, kannst Du Deinen eigenen Führungsstil beschreiben?
Beate Heinemann: Für mich ist es extrem wichtig, den Menschen Vertrauen und Verantwortung zu geben. Ich möchte mir Freiräume schaffen; für die strategische Weiterentwicklung von DESY und auch für die Außenkommunikation. Mein Problem ist eher, dass ich mich für so viele Themen brennend interessiere.
Helmut Dosch: Das große Plus von Beate ist, dass sie sich dabei vor allem auch für die Menschen interessiert.
Stichwort Kommunikation...
Beate Heinemann: Die interne Kommunikation ist noch immer ein Herzensthema. Ich glaube, da geht noch mehr. Zum Beispiel beim „Offenen Ohr“. Es wäre toll, wenn die DESYanerinnen und DESYaner in diesem Rahmen auch Vorschläge für Verbesserungen machen könnten.
Helmut Dosch: Wir haben das vor Jahren schon mal mit einer Umfrage gemacht. Da kam der Vorschlag „Wir hätten gerne einen Eisverkäufer auf dem Campus“....
Beate Heinemann: Das habt ihr doch glatt umgesetzt. Sogar relativ kostenneutral (beide lachen). Aber noch mal ernsthaft: Kommunikation ist mir wahnsinnig wichtig. Das kann man gar nicht überbewerten.
Helmut spürt eine gewisse Erleichterung – spürst Du Erwartungsdruck?
Beate Heinemann: Ich empfinde keinen Druck. Erwartungen gibt’s aber schon – und große Neugier. Den Druck mach ich mir eher selbst: Ich möchte jetzt PETRA IV an Land holen.
Was wünscht Ihr Euch gegenseitig?
Helmut Dosch: Das Quäntchen Glück, das ich auch hatte.
Beate Heinemann: Danke! Und ich wünsche Dir natürlich mehr Zeit für die anderen Freuden des Lebens.
Und Dein Wunsch für DESY?
Helmut Dosch: Dass es immer ein internationales Zentrum bleibt, an dem sich Spitzenforschung und humanitäre Werte die Hand geben.
Noch mal kurz nachgefragt: Wirst Du am letzten Tag wirklich loslassen können?
Helmut Dosch: Ich kann absolut loslassen – ich schau nach vorne. Und ich freu mich drauf.
Beate Heinemann: Und ich darf vielleicht mal anrufen, wenn ich eine Meinung brauche...
Helmut Dosch: Absolut, absolut.
Interview: Christina Mänz
Fotos: DESY, Marta Mayer